die Zaunwinde, nr 19, Juli 2010

Warum die Zaunwinde “Unser lieben Frau Gläschen” genannt wird.

In vielen mittelalterlichen Legenden spielt Maria eine große Rolle. Nicht nur als sorgsame brave Mutter, sondern auch oft als eine willensstarke, selbstständige Frau die viel zu erreichen weiß. Höre gut zu bei dieser Legende über Schlamm und kostbaren Wein.

Vor langer Zeit als die Landwege noch nicht viel mehr waren als ein paar Wagenspuren zog ein Pferd einen schwer beladenen Karren durch das flache Land. Es war ein wunderschöner stiller Tag im Spätsommer. Die Natur ruhte sich aus nach einem Tag voller Herbststürme und Regengüsse. Plötzlich sackte der Karren im Matsch ein. Das Pferd zog mit aller Kraft aber es war vergebens. Die Versuche die Räder auszugraben waren auch erfolglos. Der Wagen war zu schwer mit Fässern kostbaren Weins beladen. Erschöpft und ratlos saß der Fuhrmann auf seinem Wagen und grübelte. Er war sich sicher, dass sobald die Dunkelheit einbrach Räuber zum Vorschein kommen und seinen Wagen plündern würden. Nachdem einige Stunden verstrichen waren sah er am Horizont eine Menschensilhouette die sich näherte. Nach einer Weile erkannte er, dass es sich um eine alte Frau handelte die ihm mit ihrer Muskelkraft nicht würde weiterhelfen können.  Aber vielleicht konnte sie Hilfe holen. Angekommen bei dem Karren fragte die Frau:  „Bester Mann, haben sie etwas zu trinken für mich? Es ist solch eine beschwerliche Wanderung über diesen matschigen Pfad.” Der Kutscher reichte ihr seinen Trinksack und sagte: “ Trink, aber nicht zuviel, das ist alles was ich noch habe.” Erstaunt trank sie ein paar Schlücke und sprach: “Aber Fuhrmann, du hast  so viele Fässer Wein auf deinem Karren, das ist doch genug um zu trinken?” “Ja, ja, ja” murmelte er “ das ist alles von dem Landherren. Und ich habe übrigens auch keine Gläser. Aber könnten sie mir vielleicht helfen indem sie jemanden zur Hilfe herbeirufen. Sie wissen bestimmt wo hier in der nähe Menschen wohnen.” Die alte Frau lächelte, nickte und lief bereitwillig zum Pferd. Sie streichelte über seine Flanken, stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte etwas in das Ohr des Tieres. Das Zugpferd spannte seine Muskeln an und zog und zog und zog. Der Schaum stand ihm auf dem Maul und plötzlich setzte sich der Wagen in Bewegung. Ungläubig sah der Mann die alte Frau an. War das wohl der Teufel oder ein Engel in Frauengestalt? Es machte ihm nichts aus was sie war. Sein Wagen war gerettet und er beugte seinen Kopf voll Dankbarkeit. “ Darauf müssten wir eigentlich einen  trinken Frau” sagte er “aber ich habe keine Gläser”.

 


 

             
                die Zaunwinde © Foto Els Baars

Die alte Frau lächelte erneut und lief zum Strauchgewächs am Wegesrand. Dort blühten ein paar große weiße Blumen. Sie pflückte zwei davon und sagte: “Schenke den herrlichen Wein einfach in diese Gläser”. Während der Mann den Wein in die Blumen goss verwandelten sich diese in kristallene Gläser. Da realisierte er, dass die Frau die ihm geholfen hatte niemand anders sein konnte als die heilige Maria. Seitdem nennen die Flamen diese Pflanze ‘Onze-lieve-vrouwe-glazeke’ (unserer lieben Frau Gläschen)

Eine Zaunwinde ist eine Kletterpflanze die sich um eine andere Pflanze windet und so dem Licht entgegen klettert. Die Winde kann innerhalb einer Saison bis zu drei Meter lang werden. Im Winter stirbt der überirdische Teil ab. Achten sie einmal drauf:
Wenn es dunkel ist schließen sich die Blumen. Aber auch wenn es regnet beschützt die Blume ihren Blütenstaub indem sie die Blätter schließt. Die großen weißen Blumen sieht man vor allem entlang feuchter Wege und in offenen Gebieten wo die Pflanze über Sträucher hinwegwuchert.


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